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Diese Seiten
widmen sich der Eurald Tribune, der Schülerzeitung der Europäischen Schule in Luxemburg (eine multinationale Schule für die Kinder der Europäischen Beamten, die sich dem Gedanken eines gemeinsamen Europas und
Miteinanderlebens verschrieben hat - Theorie und Praxis liegen aber weit
auseinander, wie viele Dinge gezeigt haben).
Ein paar Schüler fanden im Jahr 1975, dass
die (aber eben nicht unsere) Schülerzeitung viel zu langweilig und brav war.
Deshalb beschlossen sie, dort einzusteigen und das Blatt ein bisschen aufzumischen
(klingt nach Märchenstunde). Im Editorial der Ausgabe 2 des Schuljahrs 75/76 stellt Anselme Pau die neuen Redaktionsmitglieder vor (alle
Texte gebe ich in der Originalsprache wieder, in diesem Fall Französisch):
Editorial 2/76 Nur mit Schulthemen allein kann man keine interessante Zeitschrift machen, dachten wir uns. Da kam uns gelegen, dass ich einige Diskjockeys von RTL 208, dem englischsprachigen Service von Radio Luxemburg, recht gut kannte, insbesondere Kid Jensen, Mark Wesley, Peter Powell und vor allem den Superstar und größten Spaßvogel, den ich je
kennen gelernt habe, Tony Prince. Ohne ihn lange überreden zu müssen, lud er uns nach Mersch ein, wo er gerade sein neues Haus im Stil einer mexikanischen Hazienda bezogen hatte. Als wir ankamen, war er gerade dabei, das Sofa mit einem Fön zu trocknen - es muss wohl irgendwie nass geworden sein. Genau genommen war das kein richtiges Interview, denn Tony erzählte einfach - und vor allem Dinge, die auch nach über 25 Jahren (oder vielleicht gerade dann) bemerkenswert sind (in Englisch):
An Interview with Tony Prince Schade, dass wir dies nicht mit Leuten wie Mark Wesley und Chris Cary weitergeführt hatten, denn auch sie hätten schöne Stories erzählen können. Mark Wesley begann mit 16 Jahren bei Radio Essex, einem Piratensender, der von einem besetzten See-Fort aus dem zweiten Weltkrieg vor der Küste Englands sendete (Radio Essex gehörte übrigens einem gewissen Roy Bates, der später ein anderes Fort besetzte und den Staat Sealand ausrief). Mark wechselte Anfang der Siebziger zum Piratensender Radio Northsea International (R.N.I.), der vom Schiff Mebo II vor der holländischen Küste bei Scheveningen aus sendete. Zur selben Zeit arbeitete bei R.N.I.auch Spangles Muldoon alias Chris Cary (der mit der riesigen Antenne in Bridel). Bevor Chris Cary nach Luxemburg kam, erzählte Mark Wesley immer die abenteuerlichsten Geschichten über einen gewissen Spangles Muldoon und was er gerade wieder angestellt hatte. Sie waren so verrückt (und der Name dieser Person ebenfalls), dass alle glaubten, sie seien Marks Phantasie entsprungen. Ich kann
mich zwar an keine einzige mehr erinnern, aber wir hatte alle unseren Spaß damit. Wenn jemand fragte, wer denn dieser Spangles Muldoon sei und Mark möge ihn uns zeigen, war ihm außer einem Lachen nichts zu entlocken. Eines Tages tauchte Spangles Muldoon dann plötzlich bei 208 als Diskjockey auf. Trotzdem blieb er ein Geheimnis, denn er verschwand so plötzlich wie er auftauchte. Dass er sich danach Chris Cary nannte, hatte ich erst durch das Interview erfahren. Einige Abenteuer von Spangles Muldoon während seiner Zeit bei R.N.I. finden sich als Aufzeichnungen im Internet und sind höchst hörenswert (siehe auch die Link-Seite). Ein holländischer Geschäftsmann versuchte 1970 mit rund 20 Männern, das Radioschiff Mebo II zu entern und abzuschleppen. Gegen diesen Akt der Piraterie in internationalen Gewässern versuchte sich die Crew mit Messern und Benzinbomben zu wehren, was Spangles über den Sender verkündete. Als sie danach begannen, den Antennenmast mit Wasser zu besprühen, warnte er die Piraten, dass sie damit nicht nur den Sender außer Betrieb setzen, sondern eine Überraschung erleben würden, wenn hunderttausend Watt auf sie zurückschlagen. Chris Cary hat auch nach seiner Zeit bei 208 für Aufsehen gesorgt. 1980 gründete er mit Roger Dale ("The Admiral" bei Radio Caroline) in Irland den illegalen Sender Radio Sunshine, indem sie eine Gesetzeslücke ausnutzten, derzufolge der Sender nicht geschlossen werden konnte. Kurz danach überwarf er sich mit Roger Dale und verschwand in die USA, von wo er mit einer neuen Sendeanlage zurückkehrte und in Dublin Radio Nova gründete. Radio Nova entwickelte sich in den 80er Jahren zum meist gehörten Sender in Irland, bevor die Regierung das Gesetz änderte und Cary den Sendebetrieb freiwillig einstellte. In den 90er Jahren knackte Cary den Verschlüsselungs-
code von BSkyB und produzierte in großem Umfang Codekarten. Mit diesen Fälschungen soll er Berichten zufolge täglich 20.000 englische Pfund eingenommen haben, bis er schließlich festgenommen und zu vier Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Damit waren seine Abenteuer aber noch nicht beendet: 1998 entwischte er aus dem Gefängnis und verschwand in einem weißen Peugeot, der mit quietschenden Reifen davonraste. BSkyB setzte daraufhin Detektive ein, die Cary wieder hinter Gitter bringen sollten (BSkyB zufolge soll er einen Schaden von 3 Millionen Pfund angerichtet haben, da das Verschlüsselungsverfahren und damit alle Dekoder geändert werden mussten). In Neuseeland wurden sie schließlich fündig, wo er mit seiner Frau Sybil unter falschem Namen lebte. Ende März 2001 wurde
er aus dem Knast entlassen und lebt jetzt auf der Isle of Man. Aktuelle Informationen findet man übrigens auf seiner
Website.
Einen
breiten Raum nahm unsere Pop-Rubrik mit Schallplattenbesprechungen und
Konzertkritiken ein. Über das erste Konzert der Schülerband Virus findet
sich in Heft 3/76 folgen Kurzkritik:
Bemerkung
Gegenüber der Generalprobe müssen sie sich ziemlich verschlechtert
haben, denn die Kritik von Didier
Mutter davon war sehr wohlwollend (drei Seiten vorher zu finden):
VIRUS - Premier concert,
premier test
Doch nun zur
Schule und zum Thema "Demokratie in Theorie und Praxis": Mit einem kurzen Artikel
sorgte Marino für einen handfesten Skandal. Zum Verständnis: In unserer Schule gab es gesondertes Aufsichtspersonal (Surveillants), die uns Schüler ständig drangsalierten. Diesen Surveillants widmete sich
Die Wachhunde (eine Utopie) Obwohl das Ganze in Deutsch verfasst war, fühlten sich die Surveillants, die alle
französischsprachig waren und die Story gar nicht verstehen konnten, (nicht zu Unrecht) angesprochen. Die Schuldirektion hatte Marino daraufhin durch Androhung von Strafmaßnahmen gezwungen, sich in einem Flugblatt davon zu distanzieren. Das hatte aber nur den gegenteiligen Effekt und sorgte nur für noch mehr Wirbel, wie einige Reaktionen von Mitschülern zeigten (in Heft 3/76 veröffentlicht):
pressefreiheit: noch nie gehört!
Autorität oder Partnerschaft? Als weitere Reaktion schrieb Anselme für diese Ausgabe eine weitere Utopie, die paradiesische Verhältnisse schilderte:
EIPOTU? Lesenswert waren auch immer die Protokolle des Conseil d'Education (setzt sich aus Lehrern, Direktion und Klasensprecher zusammen) von Klaus Detzel. In diesen zeigt sich dann auch, dass Marinos Artikel nicht umsonst war, sondern von "denen da oben" durchaus ernst genommen wurde:
Der Conseil d'Education vom 14. Januar 1976
Der Conseil d'Education vom 16. Februar 1976
Manchmal war es in der Schule sogar ziemlich lustig. Im Conseil
d'Education wurde das Thema bereits angesprochen:
Bombe I
Den erwähnten Bombenleger gab es zu der Zeit
tatsächlich in Luxemburg, er hatte sich aber darauf beschränkt, einen
Hochspannungsmast nach dem anderen in die Luft zu jagen. Irgendwann hat
er damit aufgehört – vielleicht war ihm die Polizei auf der Spur, aber
sie hat ihn anscheinend nie erwischt. Unter luxemburgischen Journalisten
ging aber noch viele Jahre später (Ende der Achtziger) das Gerücht um,
es hätte sich um jemanden aus dem innersten Kreis des großherzoglichen
Palastes gehandelt.
Soweit ich mich erinnere, stammte die
Bombenwarnung jedoch von einem "arabischen Terroristen". Jedenfalls
stand eine gewisse Gruppe von Schülern auf dem Schulhof und kurz vor
Abfahrt zur Madame, unsere Café-Mutter auf dem Kirchberg, als sich
jemand verplapperte und ein bißchen zu gut Bescheid wusste, dass
derjenige französisch mit arabischem Akzent gesprochen hätte. Seinen
Namen werde ich jedoch nie verraten, versprochen, *****! ;-)
Manche Lehrer, Monsieur Meyer und die Surveillants
müssen einen ganz schönen Schrecken bekommen haben:
Verzeihung
Allerdings hatten einige Lehrer die Geschichte
wohl auch nicht ganz ernst genommen:
Unverantwortlich
Dass es jedoch keineswegs Bombe einer bedarf,
damit das erst zwei oder drei Jahre zuvor fertiggestellte Schulgebäude
zusammenfällt, darauf wies Anselme hin:
Bombe II
Mit Heft 3 vom Mai 1976 endete
bereits unsere Ära der Eurald Tribune, da wir eine Schülerzeitung, aber keine Schulzeitung machen wollten. Genau so lautete jedoch die Bezeichnung auf der Titelseite in Dänisch, Italienisch Französisch, Englisch und Niederländisch (Skoleblad, Giornale della Scuola, Journal de l'Ecole, School Magazine, Schoolkrant) und nur auf Deutsch hieß sie Schülerzeitung. Deshalb hatten wir
alle Bezeichnungen für Schulzeitung auf allen 550 gedruckten Exemplaren fein säuberlich mit einem Filzstift durchgestrichen
und sie erst danach verkauft (hier die Titelseite). Damit ging unsere kurze Ära nach nur zwei
Ausgaben zu Ende. Wie es
weiterging, schrieb unser langjähriger Chefredakteur Roger Nord am 13.
Februar 2003 in einer E-Mail:
Als ihr nach eurer zweiten Ausgabe
das Handtuch geworfen habt, sind Eric Pittomvils, Sabine Detzel, und ich
wieder eingestiegen und haben 1976/77 eine stolze Zahl von sieben
Ausgaben herausgebracht. Vielleicht nicht ganz nach deinem Geschmack,
aber immerhin!
Im Geiste der historischen
Wiederaufarbeitung,
Roger Nord
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