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Autorität oder Partnerschaft? endlich wurde in der schülerzeitung einmal eine kritik an einem mißstand an der europaschule veröffentlicht. wenn der stil auch etwas seltsam anmutet und er auf eine nicht sehr freundliche oder konstruktive weise kritisiert, so ist es doch der erste artikel, der überhaupt etwas kritisiert. dieser artikel wäre schnell wieder vergessen worden, wenn nicht einige surveillants gegen ihn protestiert hätten. so sprach sich die angelegenheit herum, und viele lasen den artikel noch einmal und begannen jetzt erst richtig, über die angesprochene situation nachzudenken. es gingen sogar gerüchte um, Marino (der autor) hätte mit disziplinarstrafen zu rechnen, schulverweis oder ähnliches. ein paar tage später kam dann eine "ergänzung" auf rosarotem papier. ich wundere mich, wie nervös sich eine schule wegen eines so kurzen artikels machen läßt, und wie ungeschickt sie dann auch noch reagiert. denn diese "ergänzung" zeigt doch deutlich, wie verunsichert die schule ist und wie sie versucht, emanzipatorische entwicklungen oder erste ansätze von kritik abzublocken. zwar finde ich schon, daß der artikel etwas mißglückt ist, da er stellen aufweist, die mehr nach beleidigung oder beschimpfung als nach kritik aussehen, aber immerhin wird ein bestehender zustand kritisiert, und die schule müßte doch auch hier etwas toleranz zeigen, wenn sie selbstbewußt auftreten will. und wie, frage ich mich, soll der schüler dann lernen, tolerant zu sein, wenn er in der schule das gegenteil erlebt? nun aber zu jener rosaroten "ergänzung". sie geht viel zu weit! der erste und der dritte grund mögen noch gerechtfertigt sein, aber der zweite ist ein klarer rückzieher! dort heißt es: "in keinem falle ist eine bestehende situation kritisiert, sondern vor einer im begriff zu entstehenden situation gewarnt (daher utopie)". wenn diese entschuldigung nicht diktiert oder sogar vorgeschrieben worden ist, wäre der artikel sinnlos, da er im widerspruch zu ihr steht. andererseits wird jeder zugeben, daß diese situation eine bestehende ist, und nicht eine, die im begriff ist, zu entstehen. ich nehme an, daß Marino dies auch so sieht. folglich kann diese entschuldigung nicht seiner meinung entsprechen. wessen meinung entspricht sie denn dann?? hier ein beispiel, daß diese situation wirklich eine bestehende ist: sobald man die kantine betritt, gleichgültig, ob von der seite der zahlenden esser oder von der seite der tartinisten, fällt einem die weiß-rote kette auf, die mitten durch den saal verläuft. sobald sich nun ein schüler dieser kette nähert, egal von welcher seite, eilt gleich ein surveillant herbei und befiehlt ihm, sich sofort wieder auf seinen platz zu begeben. gründe dafür erhält man auch nach mehrmaliger nachfrage nicht. es ist so, weil es so sein muß. nun setzt sich der schüler an einen tisch, meistens zu seinen klassenkameraden. angenommen, diese schüler wollen beim mittagessen über irgendein problem diskutieren. sie rücken daher noch ein paar stühle mehr an den tisch. sofort eilt wieder ein surveillant herbei und befiehlt, die stühle wieder an ihren alten platz zurückzustellen. gründe dafür erhält man nicht. es ist so, weil es so sein muß. nach dem essen darf man nicht noch eine weile zusammen sitzen bleiben; nein, man wird sofort nach draußen, d.h. zur zeit in die kälte geschickt. dies ist das einzige, was ich einsehe, denn auch surveillants haben das bedürfnis, nach hause zu gehen. aber brauchen wir denn überhaupt eine aufsicht in der kantine? der schüler macht sich also notgedrungen auf den weg nach draußen. um schneller ins schulgebäude zu gelangen, will er über die kette steigen, um die kantine auf der "anderen" seite zu verlassen. sobald er aber nur seine gehrichtung erkennen läßt, eilt ein surveillant (der letzte der meist vier, der noch aufpaßt) herbei und befiehlt, den raum durch den "diesseitigen" ausgang zu verlassen. gründe dafür erhält man nicht. es ist so, weil es so sein muß. mich erinnert das an einen diktatorischen machthaber, der seine "untertanen" wie unmündige menschen behandelt und ihnen völlig unbegründbare einschränkungen auferlegt. dies liegt aber nicht an den surveillants. vielmehr liegt es an der organisation der schule, die mehr auf einem autoritären als auf einem partnerschaftlichen verhältnis zu den schülern beruht. die surveillants sind nur "ausführendes organ" dieser autoritären einrichtung; sie müssen dafür sorgen, daß regeln und verordnungen, und seien sie noch so stupid, eingehalten werden. deshalb sind sie auch zuallererst beschimpft worden, obwohl sie nur beschränkt etwas dafür können. natürlich sind sie nicht ganz unschuldig, denn man kann auch etwas netter dafür sorgen, daß eine ordnung eingehalten wird, und nicht nur so, daß man am laufenden band autoritäre unterweisungen erteilt. ich meine, daß schüler verantwortlich genug sind, ohne mit fünf oder mehr surveillants auszukommen. nun wird die direktion erwidern, daß man dies schon oft ausprobiert habe, mit negativem ergebnis. hier muß ich aber eine gegenfrage anschließen: wie soll es schülern möglich sein, verantwortlich zu handeln, wenn ihnen bis zur 5. oberschulklasse jegliche verantwortung vorenthalten wurde und sie ständig unter kontrolle standen?? wie verhalten sich diese schüler, wenn der kontrollierende druck der aufsicht plötzlich fehlt?? z.b. zerstören sie dann in den aufenthaltsräumen einrichtungsgegenstände; in der bibliothek verschwinden bücher oder werden ramponiert; weniger autoritäre lehrer werden von den meisten schülern ausgenutzt. die agressionen blühen, denn druck erzeugt gegendruck. man kann ein einhalten von verhaltensregeln oder einer ordnung nicht erzwingen, sondern nur dadurch erreichen, daß man die einsicht und das verständnis der schüler anspricht. eine ordnung, die von den schülern anerkannt wird, da sie ihre nützlichkeit einsehen, wird sicher eher eingehalten als eine, die den schülern auferlegt und durch autoritären druck aufrechterhalten wird. letzteren tatbestand haben wir zur zeit an unserer schule. deshalb finde ich es gut, daß Marinos artikel diesen konflikt an die oberfläche gebracht hat, und ich könnte mir denken, daß es nun endlich zu einer diskussion und vielleicht zu einer lösung kommt. Christoph Schlenzig |